Rückblick auf das Winter-Assembly
Ronald Kolb, 19. Februar 2026
“Koordination ist schwer fassbar. Sie lässt sich nicht in einem einzigen Eindruck erfassen. Da sie über verschiedene Zeitintervalle und Rhythmen hinweg wirksam ist, kann sie nicht in einer einzigen Momentaufnahme festgehalten werden.” (Übers. d. Verf.)
Elaine Gan and Anna Tsing, "How Things Hold:," Matsutake Worlds, 2021
Die Winter-Assembly bildete den Abschluss des einjährigen Ausstellungsprojekts Art as Ecological Practice im M.1 der Arthur Boskamp-Stiftung in Hohenlockstedt. Unter dem Motto „Scarcity as Delight & Regenerative Future“ (Knappheit als Genuss & regenerative Zukunft) brachte die Abschlussveranstaltung langjährige künstlerische Prozesse zusammen, die in enger Zusammenarbeit mit lokalen Akteur:innen entwickelt worden waren, und verdichtete sie zu einem Moment der Reflexion, Reaktivierung und Neuorientierung.
Wie bei den vorangegangenen Versammlungen wurde ökologische Praxis nicht als Repräsentation verstanden, sondern als gelebte Koordination – materiell, sozial und zeitlich. Das Projekt kehrte zu den Fragen zurück, die das Jahr geprägt hatten: Wie kann zeitgenössische Kunst zu einer nachhaltigen Lebensweise beitragen? Und wie können Ausstellungen zu Räumen werden, in denen ökologisches Wissen nicht nur gezeigt, sondern gemeinsam umgesetzt wird?
Das bedeutet: Anstatt die Natur darzustellen, wollten wir ökologische Beziehungen durch performative Aktionen erproben.
Oder anders gesagt: Unser Ziel war es, diese symbolische Distanz der Kunst hinter uns zu lassen. Es geht also nicht ausschließlich darum, „Natur“ ästhetisch darzustellen, sondern ökologisches Denken durch konkrete künstlerische Aktionen in die Praxis umzusetzen – weshalb wir uns vor allem auf gruppendynamische Aktivitäten und partizipative Formen konzentrierten: Workshops, Performances, gemeinsames Kochen und informelle Begegnungen. Der Ausstellungsraum wurde so zu einer Kontaktzone: einem Ort, an dem lokale Gegebenheiten auf globale Wissensdiskurse treffen und an dem wir kritisch – und selbstkritisch – die asymmetrischen Wechselbeziehungen unserer Lebensbedingungen untersuchen, in die wir alle verstrickt sind.
Ein wichtiger Übergang in diesem Prozess war und ist die Annäherung an die konkrete Situation: an die lokale Umgebung, an die landwirtschaftlichen Bedingungen, an die Fischzucht, die Forstwirtschaft und an unsere Interaktion mit der Landschaft und der Natur hier vor Ort.
Es geht also weniger um künstlerische Gesten als um Materialität und Produktion, weniger um Zurschaustellung als um Transformation.
Ein zentraler Schwerpunkt dieser Versammlung liegt daher auf der materiellen Produktion. Ökologische Praxis in der Kunst bedeutet auch, die materielle Seite unserer kulturellen Artikulationen ernst zu nehmen: Woraus besteht etwas? Wie wird es hergestellt? Was verbraucht es, was hinterlässt es – und welche Zukunftsmöglichkeiten eröffnet oder blockiert es?
„A Grafted Future“ (Eine gepfropfte Zukunft)
Dies wird in Camilla Berners Projekt „A Grafted Future“ sichtbar. Sein tatsächlicher Ort ist nicht der Ausstellungsraum, sondern der Bückenwald: Dort begann im November 2025 in Zusammenarbeit mit dem Förster Björn Berling eine langfristige Intervention. Setzlinge von Weißtanne und Bergahorn wurden direkt auf und in alten Baumstämmen gepflanzt – eine experimentelle Intervention, die die Forstwirtschaft als generationsübergreifende Praxis der Pflege greifbar macht. Der Wald selbst bildet somit den zentralen Handlungsraum des Projekts; hier entfalten sich die zeitlichen Dimensionen, Abhängigkeiten und offenen Prozesse. Im Ausstellungsraum begegnen wir dieser Arbeit in Form von Spuren: als fotografischer Verweis auf ein fortdauerndes Ereignis. Das ausgestellte Plakat ist kein eigenständiges Werk und ersetzt nicht die Ereignisse im Wald; es ist ein für die Ausstellung produziertes Bild – ein Ausschnitt aus einem vielschichtigen ökologischen Kontext. Es verweist auf ein Zusammenspiel von Boden, Pilzen, Insekten, Tieren, Pflanzen – und menschlichen Entscheidungen –ein mehr-als-menschliches Zusammenspiel –, ohne dies vollständig darstellen zu können. Gleichzeitig ist das Plakat selbst Teil einer Materialkette: gedruckt auf Recyclingpapier, dessen Ursprung sich bis zur forstwirtschaftlichen Produktion zurückverfolgen lässt. Das Plakat ist somit Ausdruck der ökologischen Produktionslogik, die das Projekt auf praktische Weise im Wald verhandelt.
Translokales Abendessen
Kulinarische Praxis eröffnet einen weiteren Ansatz zur ökologischen Koordination. Das translokale Abendessen am Samstag, das von Seraina Grupp, Byungseo Yoo und Ruben Rudolph und Ronald Kolb konzipiert wurde, kann als komplexer, gemeinsam entwickelter Prozess verstanden werden.
Lokale Winterzutaten und translokale Kochpraktiken werden verwendet, um ein mehrgängiges Menü zu kreieren, das sich produktiv mit Knappheit auseinandersetzt und neue Perspektiven auf Lebensmittel, Herkunft und Nachhaltigkeit eröffnet. Das Menü selbst ist jedoch nur die sinnlich wahrnehmbare Verdichtung einer vielschichtigen Koordinationsleistung. Die Auswahl der Produkte, ihre Verfügbarkeit, Gespräche mit lokalen Produzenten, die Verwendung verschiedener kulinarischer Traditionen, gemeinsames Probieren und Verwerfen – all dies bildet die eigentliche Struktur des Projekts.
Auf dem Teller manifestiert sich diese komplexe Koordination als eine Komposition aus Aromen, Texturen und Temperaturen. Was hier versucht wird, ist nicht nur ein Gericht, sondern ein Beziehungsgeflecht, das sich im Geschmack widerspiegelt. Ökologisches Handeln wird hier nicht als Bild oder moralische Aussage präsentiert, sondern als kulinarisches Erlebnis: als etwas, das kulturell ausgehandelt und gleichzeitig physisch verinnerlicht wird – und das auf lokalen und globalen Produktionsmethoden basiert.
Die Winterversammlung bildete nicht nur den Abschluss einer Reihe von vier saisonalen Zusammenkünften, sondern sammelte auch Dokumentationen, Reaktivierungen und neue ortsspezifische Werke – darunter Beiträge von Ruby Mariama Laura Andersen Ndoye, Anton Backe, Sarah Folker, Nina Fjordbak Nielsen Cecilie Kappel & Sæunn la Cour Degnbol, und Julia Karla, Studierende der Malmö Art Academy (Universität Lund) unter der Leitung von Maj Hasager, die nach ihren Begegnungen in Hohenlockstedt während der Herbstversammlung entstanden sind. Die Werke sind ortsspezifisch und von den Begegnungen in Hohenlockstedt und den lokalen ökologischen Bedingungen beeinflusst.
Die Winterversammlung zeigte, dass sich Kunst als ökologische Praxis eher durch Koordination als durch Repräsentation entfaltet. Forstwirtschaftliche Eingriffe, Fermentationsprozesse, saisonales Kochen, Spaziergänge, Dialoge und gemeinsame Forschungen offenbarten die Ökologie als ein gelebtes Netzwerk von Beziehungen zwischen menschlichen und mehr als menschlichen Akteuren.
Der Winter – verstanden als Zeit der Ruhe und Reduktion – erwies sich als ein intensiver Moment der Reflexion und Neukalibrierung. Die Assembly beendete das Projekt nicht endgültig, die Impulse werden weiter getragen. Setzlinge wachsen weiter im Wald. Fermentationskulturen zirkulieren in Küchen. Gespräche führen zu zukünftigen Kooperationen.
Tag 1: Eröffnung, Filmvorführung
Die Assembly wurde am Freitagabend mit einer Begrüßungsrede von Dr. Philipp Salamon-Menger (Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur Schleswig-Holstein), Grußworten von Dr. Ulrike Boskamp und Katja Schroeder sowie einer Einführung und Führung durch die Ausstellung von Dr. Ronald Kolb eröffnet.
Anstatt einen statischen Höhepunkt zu präsentieren, zeigte der Ausstellungsraum einen vielschichtigen Prozess. Dokumentationen früherer Versammlungen – Spaziergänge, Workshops, Kochrituale, Feldforschung – traten in einen Dialog mit neu hinzugefügten Werken. Die Ausstellung war im Laufe des Jahres gewachsen und zeigte nun ihre eigene Entwicklung.
Um 18 Uhr wurde der Film Cultivating Abundance von Åsa Sonjasdotter gezeigt. Sonjasdotters langjährige Forschung zur Getreidebiodiversität und Agrargeschichte präsentiert den Anbau als politische und kollektive Praxis. Der Film setzte sich kritisch mit der industriellen Landwirtschaft und dem Verlust der Biodiversität auseinander und stellte gleichzeitig die Wiederaneignung, das Wissen über Saatgut und die kontextübergreifende Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Forschern und Künstlern in den Vordergrund. Die Künstlerin Seraina Grupp, die eng mit Sonjasdotter zusammenarbeitet, stellte den aktuellen Stand des landwirtschaftlichen Projekts vor.
Tag 2: Knappheit als Genuss – Das translokale Abendessen
Im Mittelpunkt des Samstags stand das translokale Abendessen, das als performatives und kollaboratives Experiment konzipiert war. Das Menü basierte auf lokalen Winterprodukten – gelagerten Wurzeln, konserviertem Gemüse, fermentierten Zutaten – kombiniert mit Techniken aus verschiedenen kulinarischen Traditionen. Knappheit bedeutete hier nicht Mangel, sondern produktive Beschränkung. Begrenzte saisonale Ressourcen luden zu kreativen Kombinationen, neuen Texturen und sorgfältiger Koordination ein. Der Vorbereitungsprozess selbst – Diskussionen mit Produzenten, gemeinsame Verkostungen, Anpassungen und Neuinterpretationen – bildete den Kern des Projekts. Auf dem Teller wurde diese komplexe Verhandlung sinnlich präsent. Ökologisches Handeln war weder abstrakt noch moralisierend, sondern manifestierte sich in Geschmack, Temperatur, Textur und Austausch. Das Abendessen fungierte somit als temporäre soziale Skulptur – ein essbares Netzwerk von Beziehungen zwischen Boden, Klima, kulturellem Gedächtnis und kollektivem Experimentieren.
Tag 3: Reaktivierung und gemeinsamer Abschluss
Der Sonntag war ein Tag der Reaktivierung und des Austauschs. Eine Führung bot Einblicke in die Entwicklung der Ausstellung und ihre Kooperationen. Werke aus früheren Versammlungen wurden in einer Führung erneut betrachtet und gemeinsam reflektiert.
Lene Markusen aktivierte ihr Choreographic Mural und verwandelte ihre räumliche Zeichnungsinstallation in ein zeitliches partizipatives Ereignis, das von den Anwesenden gestaltet wurde. Der Ausstellungsraum wurde erneut zu einer Kontaktzone – weniger ein Behälter für Objekte als vielmehr ein Ort koordinierter Bewegung. Später präsentierte Byungseo Yoo kulinarische Geschenke – fermentierte Zubereitungen zum Mitnehmen –, wodurch die Versammlung über ihren zeitlichen Rahmen hinaus in häusliche Fortsetzungen verlängert wurde. Verkostungen aus Seraina Grupp's sich entwickelnder Taste Library bildeten den Abschluss: Konservierte Pflanzen und experimentelle Aufgüsse – sowie eine Teezeremonie – wurden zu Vehikeln der Erinnerung und der Zukunftsvorstellung gleichermaßen.
Kurzbeschreibungen der ausgestellten Werke
Der unsichtbare Garten (Hohenlockstedt) (2025–2026)
Camilla Berner
Der unsichtbare Garten (Hohenlockstedt) ist ein künstlerisches Projekt, das sich mit der oft unentdeckten Schönheit ungeplanter Gartenkulturen beschäftigt. Es lädt die Menschen dazu ein, ihre eigene Umgebung mit neuen Augen zu sehen – als Orte der Vielfalt und des Wandels. Das Projekt wurde erstmals 2001 in Dänemark von der Have-kulturfonden (Stiftung für Gartenkultur) mit Gärten in und um Kopenhagen realisiert. Jetzt wird es in und um Hohenlockstedt fortgesetzt und weiterentwickelt. In Zusammenarbeit mit Menschen aus Hohenlockstedt, Bokelrehm, Wacken, Itzehoe, Wilstermarsch und anderen Orten wurden Wildblumensträuße kreiert, gesammelt, arrangiert und fotografiert. Jeder Strauß erzählt die Geschichte eines Augenblicks, eines Ortes und der Menschen, die ihn geschaffen haben. Eine Auswahl der Fotografien ist im Projektraum M.1 der Arthur-Boskamp-Stiftung zu sehen. Die Ausstellung wächst mit dem Projekt. Darüber hinaus wird ein regionaler Saatgutbeutel mit dokumentierten Wildpflanzen erstellt – als Einladung, selbst Vielfalt zu säen. Die Sträuße sind Momentaufnahmen der Vielfalt. Sie sind ein poetischer Ausdruck gegen Homogenität und Monokulturen.
Archived safe space I & II (2026)
Nina Fjordbak Nielsen
Diese ortsspezifische Installation zweier Vogelhäuser im Innenraum und im Außenraum der Institution spielt mit der Vorstellung einer Zukunft, in der Vogelhäuser unnötig geworden sind. Es handelt sich um eine Dekonstruktion des Schutzraums als vermeintlich altruistisches Symbol, bei der Vogelhäuschen lediglich als Denkmäler erhalten bleiben.
Sotto’Olio – Sonified Kitchen (2025)
Maya Minder & Dominique Leroy
In einem Workshop in der Herbst-Assembly stellte die Künstlerin Maya Minder Algen sowohl als ökologische Ressource als auch als kulturelle Praxis vor und verband dabei Kochen, Geschichtenerzählen und ökologische Reflexion miteinander. Gemeinsam wurden Gerichte erfunden, deren Hauptzutaten Kartoffeln und verschiedenen Algen waren. Zudem fand die partizipative Sound- und Kochperformance „Sotto’Olio – Sonified Kitchen“ statt – einer Zusammenarbeit zwischen Maya Minder und dem Klangkünstler Dominique Leroy. Die Geräusche des Schneidens, Brutzelns und Fermentierens wurden in eine Live-Komposition verwandelt. Die Performance lud die Teilnehmenden dazu ein, „Sotto’Olio“ nach einer Kochpartitur zuzubereiten, in der Klang und Bewegung Teil des Rezepts selbst wurden.
Koloniale Kartoffelgeschichte(n). Interventionen im Garten und im Magen (2025–2026)
Daniela Zambrano Almidón
Im Rahmen der Frühjahrs-Assembly hielt die Künstlerin Daniela Zambrano Almidón im Garten von M.1 eine Zeremonie ab, bei der sie Blaue Anneliese, Heiderot und Rote Emmalie, verschiedene Sorten von Andenkartoffeln, pflanzte – eine Praxis, die in den Traditionen des Quechua-Volkes in Peru verwurzelt ist. Das Ritual umfasste Opfergaben an die Erde, darunter Blumen und Bier, als Zeichen der Dankbarkeit und des Respekts. Das Pflanzen wurde von einer Lesung der Künstlerin begleitet, die die Kolonial-geschichte der Kartoffel und den kolonialen Goldrausch in Peru – Abya Yala – miteinander verband. Sie sprach die ausbeuterische Dynamik der europäischen Kolonialmächte an. Für die Herbst-Assembly besuchten wird den Garten von Wiebke Habbe. Dort organisierte Daniela Zambrano Almidón mit den Besuchenden ein Pachamanca – eine traditionelle andine Kochaktion in einem Erdofen, in dem Kartoffeln mit erhitzten Steinen zubereitet werden. Die Steine, die aus einem nahe gelegenen Steinbruch stammen, erinnern sowohl an die lange Zeit des Pleistozäns als auch an die heutigen Rohstoffabbauaktivitäten in Schleswig-Holstein, wie Habbe betonte. Durch diesen Austausch wurde das Pachamanca zu mehr als nur einer Mahlzeit – zu einem Ort der kulturellen Erinnerung, des ökologischen Bewusstseins und der gemeinschaftlichen Transformation.
A Grafted Future (2025–)
Camilla Berner
A Grafted Future wurde am 13. November 2025 durch die Pflanzung von acht jungen Setzlingen im Wald von Bücken in der Nähe von Hohenlockstedt aktiviert. Zusammen mit dem Förster Björn Berling wurden neun Setzlinge von Weißtanne und Bergahorn direkt auf und in alte Baumstämme gepflanzt – eine experimentelle Methode, die Schutz vor Rehen und kleinen Nagetieren bieten und gleichzeitig das Wachstum durch die verbleibenden Wurzelstrukturen der ehemaligen alten Bäume beschleunigen könnte. Jeder Pflanzort wurde fotografisch dokumentiert und mit GPS-Koordinaten markiert, um eine kontinuierliche Beobachtung der Entwicklung der Bäume im Laufe der Zeit zu ermöglichen. Berlings Prinzipien der Waldbewirtschaftung prägen diese Landschaft. Sein Ansatz setzt auf Selbstaussaatprozesse, wobei sich das menschliche Eingreifen darauf konzentriert, günstige Konstellationen für junge Pflanzen zu schaffen: sonnendurchflutete Lücken im Blätterdach zu öffnen und die Wildtierpopulationen durch die Jagd zu regulieren.
Die Forstwirtschaft ist von Natur aus generationsübergreifend, sie arbeitet mit dem, was frühere Generationen hinterlassen haben und bereitet gleichzeitig den Wald für die kommenden Generationen vor. Berners Projekt macht diese langfristige, stillschweigende Zusammenarbeit sichtbar. A Grafted Future hebt die komplexe Koordination zwischen Boden, Pflanzen, Tieren, Pilzen, Insekten und menschlicher Pflege hervor, die die Grundlage für widerstandsfähige Waldökosysteme bildet. Das Experiment wird in den kommenden Jahren weiterverfolgt, um zu sehen, ob und wie diese sorgfältig gepflanzten Setzlinge Wurzeln schlagen und wachsen. Das Poster – zum Mitnehmen – ist ebenfalls Teil von A Grafted Future.
THE POWER OF THE KOLA – das Lebendige verhandeln (2023–)
Astrid S. Klein
THE POWER OF THE KOLA ist ein translokales künstlerisches Projekt von Astrid S. Klein in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Albert Gouaffo (Universität Dschang, Kamerun). Es knüpft an Kleins langjährige Forschung zu Extraktivismus, Plantagenökonomie und den kolonialen Verflechtungen tropischer Pflanzen an. Ausgangspunkt ist ihre Kollaboration mit einer diasporischen Kolapflanze in einer Botanischen Sammlung in Deutschland. 2024 folgten Stecklinge dieser Pflanze einer Einladung nach Kamerun, um sich in ihrer endemischen Herkunftsregion neu zu verorten. Diese Reise stellt Fragen nach Restitution und Wissensaktivierung, nach der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Wissenssysteme und nach der Aushandlung respektvoller, symmetrischer Beziehungen zwischen Menschen, Pflanzen und allen Existenzen. Begleitend entstand das Hörstück To the Red Soil, das am 26. September im M.1 aufgeführt wurde. Drei Arbeiten auf Textil sind im Ausstellungsraum verblieben.
Arts of Upcycling (2023–)
Eco Art Studio: James Jack, Taro Furukata, Meika Mizuno, Myu Hanaoka, Ning Zhou
Die von den Künstlern James Jack und Taro Furukata initiierte kollaborative Kunstforschung „Arts of Upcycling” (2024–2027) rückt Gegenseitigkeit in den Mittelpunkt und konzentriert sich auf die Integration alternativer Wirtschaftskreisläufe in zeitgenössischen Ökosystemen. Dabei wird die Frage gestellt: „Wie können wir Macht zugunsten informeller Sharing-Ökonomien dezentralisieren?” Es entstehen Kunstwerke aus recycleten Materialen (z.B. einem Segeltuch), Handstickereien und Farb-Experimente mit natürlichen Farbstoffen. Ning Zhou ist zur Winter Assembly zu Gast im M.1 und hat uns – neben selbst-gemachten Miso aus Sodoshima – Zitate der Gruppe mitgebracht, die im ganzen Haus verteilt sind.
Unremembering (2026–)
Anton Backe
Unremembering ist ein Vorschlag für ein temporäres Denkmal, das von Zeit, Witterung und biologischem Leben geprägt sein wird. Die Skulptur ist als ein Werk konzipiert, das von mehreren Tier- und Pflanzenarten bevölkert und nach und nach von Insekten, Mikroorganismen und Moos besiedelt wird. Die Skulptur greift die Dimension des nahegelegenen Jägerdenkmals auf, verzichtet aber auf die Darstellungen auf dem Denkmal. So lenkt Unremembering den Blick auf materielle Prozesse, biologische Zeit und das Verhältnis von Monumentalität und Vergänglichkeit. Die fortlaufende ökologische Transformation schreibt Erinnerung nicht als etwas Stabiles und Dauerhaftes fest.
Canteen Fermentation Social (2025–)
Byungseo Yoo
Byungseo Yoo’s Canteen Fermentation Social ist eine soziale Skulptur, das an langfristigen sozialen Transformationen interessiert ist. Yoo verwandelt den Ausstellungsraum in ein lebendiges Fermentationslabor – ausgestattet mit Dörrgerät, Fermentationskammer, Kühlschrank und offenen Displays zum Austausch und zur Archivierung gemeinschaftlich entwickelten Wissens. Während der Assemblies aktivierte er verschiedene partizipative Kochperformances. Die Teilnehmenden bereiteten Kombucha, Kimchi, Koji und Udon-Teig zu. Die Performances veranschaulichten, wie künstlerische Praxis durch kulinarische Zusammenarbeit gegenseitige Abhängigkeit und Fürsorge materialisieren kann. Für die Herbs-Assembly verwandelte Yoo die Ausstellungshalle in eine gemeinschaftliche Kochchoreografie, indem er eine performative Bühne für die Go-Go Sourdough Udon Dancing Platform nutzte. Für diese Veranstaltung stellten wir Udon-Nudeln auf traditionelle Weise her, indem wir sie mit Hilfe lauter rhythmischer Musik mit den Füßen stampften. Fermentationsprozesse wurden zu Rhythmus, Choreografie und Dialog – eine verkörperte Metapher für ökologische Zusammenhänge und kollektive Transformation.
Für die Winters Assembly hat Yoo seine Diagramm-Zeichung beendet.
Plankton Studio (2025)
Marta Musso und Riikka Tauriainen
Für das Projekt Plankton Studio luden Marta Musso und Riikka Tauriainen zu einem Spaziergang mit Wasserprobenahme im nahegelegenen Naturschutzgebiet ein. Dabei eröffneten sie Einblicke in die mikrobische Vielfalt des Planktons und seine Rolle als ökologischer Indikator sowie als Metapher für queeres Denken jenseits binärer Ordnungen. Der gemeinsame Weg wurde zu einem transdisziplinären Erfahrungsraum zwischen Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit, in dem ökologische Zusammenhänge sinnlich erfahrbar und gemeinsam reflektiert wurden.
Die im Ausstellungsraum verbliebene Installation dokumentiert diesen Prozess und bringt die ästhetischen und wissenschaftlichen Zugänge der beiden Forscherinnen in eine gemeinsame visuelle Sprache – als lebendige Schnittstelle von Feldforschung, Illustration und spekulativer Wissensproduktion. Video-Aufnahmen der Wasserproben mitsamt der gefundenen Plankton sind im Kinoraum in der Ausstellungshalle zu sehen.
Not fully false moon (2026)
Ruby Mariama Laura Andersen Ndoye
Die Illustrationen von Ruby Andersen Ndoye sind Teil des Recherchematerials für ein Kinderbuch über eine Fledermaus in ihr Leben mit und in Dunkelheit. Es bewegt sich zwischen kindlicher Fantasie und ökologischer Realität und behandelt Dunkelheit nicht als Mangel, sondern als gelebten Raum – der in der Kindheit noch zugänglich ist, bevor Kontroll-, Sicherheits- und Beleuchtungssysteme vollständig die Oberhand gewinnen. Die Arbeiten reflektieren über Lichtverschmutzung und deren Auswirkungen auf nicht-menschliche Lebensbeziehungen.
Geschmacksbibliothek (2025–)
Seraina Grupp
Die fortlaufende Installation versteht sich als lebendiges Archiv für lokale Pflanzen, überraschende Aromen und geteiltes Wissen. Im Zentrum steht die Frage: Welche Geschmäcker liegen in unserer unmittelbaren Umgebung verborgen – und wie lassen sie sich konservieren, weitergeben und gemeinsam erleben? Die Geschmacksbibliothek lädt dazu ein, Rezepte und Konservierungsmethoden zu teilen, auszuprobieren und zu dokumentieren. Eingemachtes und Eingelegtes werden nicht nur bewahrt, sondern auch getauscht – als Einladung zu vielfältigen Geschmackserlebnissen und kollektiver Erinnerung. Der Tauschcharakter der Bibliothek betont eine Praxis des Gebens und Teilens, bei der lokale Pflanzen neue Aufmerksamkeit erhalten und als Träger*innen ungewohnter, experimenteller Aromen sichtbar werden. Als Raum der situativen Begegnung und der materiellen wie immateriellen Wissensproduktion steht die Geschmacksbibliothek exemplarisch für die Anliegen der Ausstellung: ökologische Beziehungen neu zu denken – durch künstlerische Mittel, durch gemeinsames Handeln und durch sinnlicheErfahrung. Die Geschmacksbibliothek wird erweitert: ein Tausch-Regal befindet sich im Café des M.1.
Means and ends (buying arms at the war museum gift shop) (2026)
Means and ends (pause in search of blueprints and figures) (2026)
Sarah Folker
Sarah Folker‘s Installation bestehen aus einem Video-Loop (Means and ends (buying arms at the war museum gift shop) und einer abstrakten Zinnskulptur (Means and ends (pause in search of blueprints and figures). Die Skulptur besteht aus geschmolzenen Zinnsoldaten, die im Museum am Wasserturm in Hohenlockstedt erworben wurden, während das Video den Moment und die Umstände ihres Erwerbs dokumentiert. Die Soldaten wurden eingeschmolzen und neu gegossen, fanden aber zu keiner neuen figurativen Form (aufgrund der Widerständigkeit des Materials?). Die Arbeit spricht über materielle Transformation und narrativen Brüche. Es verbindet den spezifischen Kontext und die Geschichte von Hohenlockstedt mit weiter gefassten Fragen der Produktion, Zirkulation und Bedeutungsbildung und lässt aus dem umgeformten Zinn neue Beziehungen, Zeitlichkeiten und Formen der Kausalität entstehen.
Ökologische Dramaturgie (2025–2026)
Lene Markusen
Lene Markusens wachsende Wandzeichnung im M.1 ist eine visuelle Verdichtung und poetische Dokumentation der Begegnungen und Gespräche, die im Rahmen der vier Assemblies stattfinden, übertragen, übersetzt und weitererzählt durch die Künstlerin.
Über zwei Wände hinweg in einem “internal mural” entfaltet sich eine vielschichtige Bildlandschaft, in der einzelne Motive miteinander in Beziehung treten, sich überlappen, ineinander übergehen oder durch ihre Gegenüberstellung neue Kontexte eröffnen.
Die Zeichnungslandschaft folgt dem Konzept einer „ökologischen Dramaturgie“, das Markusen derzeit entwickelt: eine partizipative Erzählform, die auf Verbindung und Relationalität basiert – zwischen Menschen, Dingen, Gedanken, Zeiten und Orten. In dieser offenen Dramaturgie entsteht ein Netzwerk aus Geschichten und Bedeutungen, das nicht linear, sondern planetarisch gedacht ist – als ein dokumentiertes Gewebe von Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination.
Im gesamten Ausstellungsraum verteilt:
Omniscient matter (2026)
Julia Karla
500 3D-gedruckte phosphoreszierende Modelle eines keimenden Samens aus PLA, die über den Raum verteilt sind und Licht absorbieren und wieder abgeben.
An verschiedenen Orten im Gebäude:
Activated-by-the-artists (2026)
Cecilie Kappel & Sæunn la Cour Degnbol
Die Arbeit setzt sich textlich mit den Begriffen aus der Herbst-Assembly auseinander. Auf dieser Grundlage entstanden eigenständige spielerische Appropriationen, die in Form von DIN-A4-Ausdrucken im gesamten Gebäude verteilt installiert sind. Die Texte fungieren dabei weniger als erklärende Beschriftungen denn als situierte Annäherungen, die Wahrnehmung verschieben, Bezüge herstellen und den Ort sprachlich neu kartieren.
In der Bibliothek:
AUS GEWÄHLTE WERKE,
DAS GEDICHT,
Hausgemacht (2026)
Sæunn la Cour Degnbol
Die Intervention in der Bibliothek des M.1 nimmt Titel der dortigen Bücher und artikuliert sie durch poetische Neukombinationen neu.